Auf Augenhöhe erinnern: Vier Grüne Ecken werden künftig starken Drautöchtern gewidmet, die sich gegen das NS-Regime gestellt haben.
Alle vier Frauen haben in Zeiten von Verfolgung, Unrecht und Diktatur Mut, Haltung und Menschlichkeit bewiesen. „Diesen Drautöchtern einen durch Tafeln sichtbaren Platz in unserer Stadt zu geben, ist mehr als ein Akt des Gedenkens. Es ist Ausdruck einer lebendigen Erinnerungskultur auf Augenhöhe, die Geschichte nicht nur bewahrt, sondern auch in die Gegenwart trägt“, sagt Vizebürgermeisterin Kulturreferentin Gerda Sandriesser.
Neue Informationstafeln
Die neuen Informationstafeln werden einladen, Fragen zu stellen, Geschichten zu entdecken und sich mit den Werten auseinanderzusetzen, für die diese Frauen eingestanden sind. „So wird Erinnerung lebendig als Teil unseres gemeinsamen gesellschaftlichen Bewusstseins und als Auftrag für die Zukunft“, fügt Vizebürgermeisterin Sarah Katholnig an, die als Referentin mit der Abteilung Stadtgrün
die Grünen Ecken ausgewählt hat.
Raum für Drautöchter
Dass Frauen in Villach im öffentlichen Raum Platz haben, beweist übrigens die
Drautöchter-Galerie mitten im Herzen der Stadt, im Rathaus. „Unsere Dauerausstellung berichtet seit vielen Jahren über die wichtigen und mutigen Frauen Villachs. Nun wird diesen mutigen Frauen und Widerstandskämpferinnen zusätzlich Platz gegeben, was ein wunderbares Signal ist“, freut sich Frauenreferentin Sandriesser.
Lebensläufe der vier mutigen Drautöchter:
Quelle: Verein Erinnern (erinnernvillach.com)
Maria Gornik (geboren Schönfeld, 1900 Bursztyn – 1942 Vernichtungslager Auschwitz)
Maria Gornik, geb. Schönfeld
geboren am 20. April 1900 in Bursztyn, Polen
gestorben am 16. Oktober 1942 im KZ Auschwitz
zuletzt wohnhaft in Villach-Auen, Oberfeldstrasse
Die Jüdin Maria Gornik wurde als Maria Schönfeld am 20. April 1900 im polnischen Bursztyn geboren, wo sie auch ihren im Kriegseinsatz befindlichen Mann Wilhelm Gornik kennengelernt hatte. Ab 1920 lebte das Paar in Villach und führte an der Adresse Kiesweg 10 eine kleine Greißlerei. Mit dem „Anschluss“ 1938 wurden aus den antisemitischen Anfeindungen des Alltags massive Bedrohungen: Die Ehe mit einem als „Arier“ geltenden Mann bot ihr als Jüdin vor der behördlichen Verfolgung zwar noch einen gewissen Schutz, allerdings sorgten die antisemitischen Denunziationen aus der Nachbarschaft bereits 1938 für erste Verfolgungsmaßnahmen. Im Juli 1941 wurde Maria neuerlich wegen angeblichen Hörens von ausländischen Feindsendern von der Gestapo verhaftet, im Herbst 1941 nach Klagenfurt überstellt, von wo aus ihre Deportation in das nördlich von Berlin gelegene Frauenkonzentrationslager Ravensbrück erfolgte. Hier traf sie am 21. Februar 1942 ein und wurde unter der Häftlingsnummer 9536 registriert. Anfang Oktober wurde sie gemeinsam mit 521 anderen in Ravensbrück inhaftierten Jüdinnen nach Auschwitz transportiert, wo sie am 16. Oktober 1942 ermordet wurde.
Der 1948 durchgeführte Volksgerichtsprozess gegen die 1889 geborene Stefanie R., die sich aufgrund der Denunziation gegen Maria Gornik gerichtlich zu verantworten hatte, endete mit einem Freispruch. Die damals 59-Jährige, die von den ermittelnden Beamten 1946 noch verdächtigt worden war, ein Komplott gegen Maria Gornik geschmiedet zu haben, wurde seitens des Gerichts nun als „eingeschüchterte“ und „schwatzhafte Frau“ gesehen, die ohne böse Absicht ihrem Alter gemäß gehandelt habe. Mit diesem Urteil zeigte sich auch eine politische Gesamttendenz: Frauen als aktive Akteurinnen, Antisemitinnen und Systemerhalterinnen verschwanden wieder aus dem öffentlichen Blick und wurden „wieder zu dem, was sie gewesen waren – ganz normale Frauen.“
Quellen und weiterführende Literatur:
- KLA, Bezirksgericht Villach, Z-Akten.
- Interview Hans Haider mit Mathilde Wassertheurer.
- Lisa Rettl, Alexandra Schmidt: „Du kannst Dir meine Verzweiflung kaum vorstellen…“ Maria Gornik, in: Alexandra Schmidt (Hrsg.), Drautöchter. Villacher Frauengeschichte(n), Klagenfurt 2013.
- Alexandra Schmidt: „Ich habe jeden Tag gebetet, dass er wiederkommen soll“. Opfer der Shoah, in: Werner Koroschitz, Alexandra Schmidt (Hrsg.): Im besten Einvernehmen. Antisemitismus und NS-Judenpolitik im Bezirk Villach, Klagenfurt 2014.
Josefine Kofler (geboren Pabel, 1895 St. Veit - 1944 Ravensbrück)
Josefine Kofler, geb. Pabel
geboren am 18. November 1895 in St. Veit an der Glan
zu Tode gekommen am 27. Dezember 1944 im KZ Ravensbrück
zuletzt wohnhaft in Villach, Unterer Heidenweg Nr. 17
Josefine Koflers Schicksal steht heute wie damals für Menschlichkeit und Zivilcourage. Gemeinsam mit ihrem Mann Thomas, einem Eisenbahner und ihrer Tochter Alexandra, lebte sie in Villach Lind im Unteren Heidenweg 17. Die Koflers machten nach dem „Anschluss“ 1938 keinen Hehl daraus, dass sie dem Nationalsozialismus ablehnend gegenüberstanden. Insbesondere Josefine wurde für ihre systemkritischen Äußerungen – vermutlich von ihren Nachbarinnen – mehrfach bei der Gestapo denunziert und von dieser vorgeladen. „Bei diesen Anlässen wurde meiner Frau immer erklärt, sie soll sich hüten und soll ihre politische Einstellung ändern, sonst würde man sie in ein Lager abgeben“, gab Thomas Kofler im April 1946 in seiner Anzeige zu Protokoll.
Josefine Kofler ließ sich jedoch weder von Denunzierungen noch Drohungen einschüchtern. Als im Winter 1944 russische ZwangsarbeiterInnen unter menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen im Hof ihrer Wohnanlage in Lind einen Luftschutzstollen errichten mussten, versorgte Josefine Kofler sie trotz Verbots mehrmals mit Essen. Und als ihre Tochter zum Arbeitsdienst in der Kärntner Maschinenfabrik antreten sollte, beschwerte sie sich zufolge verschiedener Zeugenaussagen beim Arbeitsamt mit den Worten: „Ich lasse meine Tochter nicht zu Kriegsverlängerungszwecken missbrauchen.“
Zwei Tage nach dieser Aussage, am 27. Oktober 1944, wurde sie verhaftet und zunächst ins Gestapogefängnis nach Klagenfurt, kurz darauf ins Frauenkonzentrationslager Ravensbrück überstellt, wo sie im Dezember 1944 ermordet wurde.
Quellen und weiterführende Literatur:
- Antrag der KPÖ für eine Gedenktafel (P.A);
- August Walzl, Zwangsarbeit in Kärnten im Zweiten Weltkrieg, Klagenfurt 2001; KLA, Landesgericht Klagenfurt, Strafakte, Sch 196 Vr 463/46.
- Einwohnermeldekartei des Villacher Magistrates.
- Tafel Frauen.Widerstand im Rahmen der frauengeschichtlichen Dauerausstellung „Drautöchtergalerie“ im Villacher Rathaus
Mathilde Pachernik (1922 Velden – 1941 Ghetto Lód`z)
Mathilde Pachernik
geboren am 8. März 1922 in Velden am Wörthersee
deportiert am 30. Oktober 1941 in das KZ-Lackenbach
zuletzt wohnhaft in Seebach 4 bei Villach
Eine in der NS-Zeit verbotene Liebe zu einem Mann und letztlich die Liebe zu ihren beiden Töchtern führten zur Ermordung der in Villach wohnhaften Mathilde Pachernik. Die in Velden am 8. März 1922 geborene junge Frau lebte mit dem um sieben Jahre älteren Villacher Sinto und Musiker Karl Taubmann im Villacher Stadtteil Seebach. Obwohl ab 1938 der „Geschlechtsverkehr zwischen Zigeunern und Deutschblütigen (…) als ein Verbrechen der Rassenschande“ galt und eine Eheschließung verunmöglichte, hielt das Paar an seiner Liebe fest. Am 20. Februar 1940 wurde Tochter Melitta geboren, am 7. September 1941 folgte Tochter Isabella.
Zu diesem Zeitpunkt war die Situation für die Familie und die schwangere 19-jährige Mathilde bereits hochdramatisch: Im April 1941 war es seitens der Kärntner Kriminalpolizei zu einer ersten großen Verhaftungs- und Deportationswelle gegenüber Kärntner Sintifamilien gekommen. Ende Oktober 1941 kam zu einer neuerlichen „Zigeuneraktion“: Um vier Uhr morgens verhaftete die Kripo Villach insgesamt 65 Villacher Sinti, darunter Karl Taubmann, die zweijährige Melitta und den Säugling Isabella, die als „Zigeunermischlinge“ galten. Zu einer Verhaftung der als „Arierin“ geltenden Mathilde Pachernik dürfte es nicht gekommen sein.
Nach Aussagen ihrer Schwester Anna Volpe entschied sich diese freiwillig, ihren Kindern in die Haft zu folgen. Am 30. Oktober 1941 wurden alle Verhafteten in das „Zigeuner“-Anhaltelager Lackenbach überstellt, wo sich die Spur von Mathilde Pachernik, Karl Taubmann und den beiden Mädchen verliert. Als wahrscheinlicher Todesort der Familie gilt das Ghetto Łódź (Litzmannstadt). Dort starben sowohl Mathilde Pachernik, als auch Karl Taubmann und ihre beiden Kinder Anfang des Jahres 1942 an Fleckfieber.
Quellen und weiterführende Literatur:
- Hans Haider, Die ermordeten Kinder aus Kärnten. Rede anlässlich der Ausstellungseröffnung „No Child’s Play“ am Villacher Peraugymnasium, unter: http://www.erinnern.at (Zugriff 24.06.2019).;
- Hans Haider: Sinti in Villach – geächtet – verfolgt – ermordet.
- Andrea Lauritsch, Mathilde Pachernik, in: Alpe Adria 5 (1994), S. 13.
- Interview mit Anna Volpe (Schwester von Mathilde Pachernik).
Gisela Tschofenig ( geboren Taurer, 1917 Landskron - 1945 Linz)
Gisela „Gisi“ Tschofenig
geboren am 21. Mai 1917 in St. Leonhard Nr. 14, Gemeinde Landskron bei Villach
ermordet am 27. April 1945 im KZ Schörgenhub bei Linz
zuletzt wohnhaft in Villach bei Familie Tatschl
Gisela Tschofenig, geborene Taurer, entstammte einer Villacher Eisenbahnerfamilie, die ab 1925 in Villach, Marxgasse 7a wohnte. Nach dem Besuch der Volksschule und Mädchenhauptschule besuchte sie von 1932 bis 1935 die höhere Lehranstalt für wirtschaftliche Frauenberufe in Villach. Von Kindheit an war sie in verschiedenen Jugendorganisationen tätig, wo sie auch ihren späteren Gatten Josef Tschofenig kennen lernte. Sie war zuerst bei den Kinderfreunden, dann bei den Roten Falken und später im Kommunistischen Jugendverband aktiv. Bereits mit 16 Jahren, im Jahre 1933, kam sie wegen einer Flugblattaktion für den kommunistischen Jugendverband in Villach mit der Polizei in Konflikt.
Als ihr Vater aus politischen Gründen 1935 versetzt wurde, übersiedelte die gesamte Familie nach Linz. Im Jahr 1937 versuchte sie mit ihrer Freundin Margarete Gröblinger vergeblich zu den Interbrigaden nach Spanien zu kommen. Sie blieb in Frankreich hängen, wo sie ein Jahr als Gouvernante arbeitete. In den Jahren 1938 bis 1939 arbeitete sie für die Deutsche Reichsbahn am Linzer Hauptbahnhof als Kassiererin. Nach dem „Anschluss“ im Jahre 1938 flüchtete ihr Freund Josef Tschofenig nach Belgien. Als sie erfuhr, wo er sich befand, folgte sie ihm nach. Im Jahr 1940 wurde ihr Sohn Hermann geboren. Als die deutschen Truppen 1940 in Belgien einmarschierten, wurde Josef Tschofenig von der Gestapo verhaftet und in das KZ-Dachau deportiert. Gisela Tschofenig kehrte nach Österreich zurück und kämpfte in den Reihen der KPÖ gegen das NS-Regime. Sie war als Verbindungsperson für Sepp Teufl, den Landesobmann der Kommunistischen Partei tätig. Sie übermittelte Nachrichten für ihn und verfasste Flugblätter. Vergeblich bemühte sie sich um die Freilassung von Josef Tschofenig, den Vater ihres Sohnes Hermann. Am 3. Juni 1944 „durfte“ sie im Standesamt Dachau Josef Tschofenig heiraten.
Als ihr der Boden in Linz zu heiß wurde, flüchtete sie mit ihrem vierjährigen Sohn nach Villach. Dort wurde sie von der Familie Tatschl aufgenommen. Am 25. September 1944 wurde sie von der Gestapo verhaftet und in das berüchtigte Frauengefängnis Kaplanhof in Linz überstellt. Nachdem das Gefängnis am 31. März 1945 bombardiert wurde, wurde Gisela Tschofenig in das Arbeitserziehungslager Schörgenhub verlegt. Bei den Verhören, zu denen sie ins Lager Mauthausen gebracht wurde, hat man ihr angedroht, sie werde ihren damals vierjährigen Sohn nie mehr sehen. Ihre Freundin Theresa Reindl, die mit Gisela die letzten Wochen der Haft teilte, berichtete, dass in der Nacht vom 27. auf den 28. April 1945 Gisela Tschofenig zusammen mit der Welser Kameradin Höllermann und einer namentlich nicht bekannten Jüdin aus der Baracke geholt wurde. In der Nacht hörte man mehrere Schüsse vor dem Lager fallen. Am nächsten Tag hat Frau Reindl bemerkt, dass ein weiblicher Kapo die Bergschuhe von Gisela getragen hat, mit denen sie in Kärnten verhaftet worden war. Frau Reindl war auch dabei, als kurz nach der Befreiung eine Grube geöffnet wurde, in der insgesamt acht Leichen lagen, darunter die von Gisela Tschofenig. Bei ihr fehlten die Schuhe. Ihr Vater exhumierte die Tote am 13. Mai 1945 und am 15. Mai 1945 wurde Gisela Tschofenig am Friedhof Linz-Kleinmünchen beigesetzt.
Quellen und weiterführende Literatur:
- Archiv der Stadt Linz, Nachlass Kammerstätter, Abschrift gemacht vom Autor. Max Muchitsch, Die rote Stafette, Wien 1985, S. 471-475.
- August Walzl: Gegen den Natonalsozialismus,Klagenfurt 1994, S. 24.
- Alpe adria 5/94, Andrea Lauritsch.
- Kain/Hautmann/Furtlehner: Verdrängt, vergessen, verschwiegen, Beiträge zum 500-Jahr-Jubiläum der Stadt Linz.
- Erich Hackl: Tschofenigweg. Legende dazu, in: Pittertschatscher Alfred (Hg.): Linz. Randgeschichten, Linz 2009.
Alle Infos zu den Grünen Ecks in Villach